Doreen Brunner

Workshop W10

Samstag 24.03.18
13.30 – 15.00 Uhr

Lyn Anne von Zepelin

 

„Dass da auch Meerjungfrauen waren“ – Erfahrungen beatmeter Patienten einer medizinischen Intensivstation

Fragestellung: Das Wissen zum Erleben des Intensivaufenthalts für beatmete Patienten in deutschen Kliniken ist noch sehr begrenzt. Es interessierte die Fragestellung, wie beatmete Patienten einer internistischen Intensivstation eines Universitätsklinikums ihren Aufenthalt auf der Intensivstation und die Wochen danach erlebt haben. Aus diesen Informationen sollten Erkenntnisse darüber gewonnen werden, was während der Zeit auf der Intensivstation als hilfreich und was als belastend erlebt wurde und ob diese Patienten später einen Informations- oder Beratungsbedarf haben.

Material, Methoden: In einer qualitativen Untersuchung wurden 8 Patienten, die mindestens 4 Tage beatmet waren, mittels halbstrukturierter Interviews 6 Wochen nach Entlassung von der Intensivstation besucht und befragt. Die Interviews wurden aufgezeichnet, transkribiert und mit der Methode der Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet. Ergebnisse: Es konnten folgende Kategorien gebildet werden: Erinnerungslücken, Umgebung/Orientierung, Phänomene physisch und psychisch, Kommunikation während Beatmung, Ressourcen, Rekonvaleszenz, Gesundheitsempfinden, Verarbeitung und Auswirkungen. Kein Patient konnte sich an den Tag der Aufnahme und die ersten Tage des Intensivaufenthalts erinnern. Nach dem Aufwachen orientierten sie sich langsam in Raum und Zeit. Träume und Wachsein konnten manchmal nicht unterschieden werden. Umgebungsgeräusche wurden zum Teil traumhaft verarbeitet. Patienten litten unter Ödemen und Bewegungsunfähigkeit. Sich nicht mitteilen zu können, wurde als schlimm und entsetzlich bezeichnet. Pflege wurde als Ressource wahrgenommen. Angehörige spielten eine zentrale Rolle bei der Bewältigung und Verarbeitung. Kein Patient hatte zum Zeitpunkt des Interviews weiteren Gesprächsbedarf mit professionellen Ansprechpartnern. Bei allen Patienten hat der Intensivstationsaufenthalt Spuren hinterlassen und hat sich die Haltung zum Leben verändert.

Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse können helfen, die Sicht des Patienten bei der Pflege beatmeter Patienten besser zu verstehen und Pflege einfühlsamer zu gestalten. Orientierungshilfen sollten verbessert werden, z. B. in Form von mehr sichtbaren Uhren und Tageslicht. Es sollte berücksichtigt werden, dass Patienten Geräusche medizinischer Geräte, Unterhaltungen oder Witze am Bett traumhaft oder illusionär verarbeiten können. Um beatmete Patienten an ihrer Pflege und an Entscheidungen zu beteiligen, sollte die Kommunikation verbessert werden. Eine wertschätzende Haltung der Pflegenden trägt dazu bei, dass Patienten den Intensivaufenthalt verstehen und verarbeiten können. Die psychologische Unterstützung durch eine psychosomatische Liaisonärztin wurde als hilfreich erlebt. Für welche Patienten Interventionen wie Follow-Up-Gespräche oder Patiententagebücher nützlich sein könnten, wäre ein Forschungsfeld. Auch wäre zu untersuchen, welche Unterstützung für Angehörige angeboten werden könnte.

Lyn Anne von Zepelin – berufliche Laufbahn

  • Examen 1990 Waldkrankenhaus Spandau, Berlin
  • 1992 – heute – in Teilzeit auf einer internistischen Intensivstation tätig
  • 2009 – 2010 – Ausbildung und Prüfung Heilpraktikerin für Psychotherapie
  • 2011 – 2012 – Weiterbildung Paar- und Familientherapie/systemische Kompetenz
  • 2013 – 2016 – Therapiebegleitung in der Studie GermanIMPACT, Begleitung depressiver älterer Menschen in der ambulanten Versorgung
  • 2014 – 2016 – Studium Pflegewissenschaften Uni Freiburg, Abschluss BSc
  • 2016 – 2017 –Schulung von Menschen mit Depression und Diabetes in der Studie Sante
  • 2017 – heute – Interventionsentwicklung und Durchführung Chronic Care Manegement Studie LoChro